Benjamin I. Schwartz
1916 - 1999
Benjamin I. Schwartz war ein Gelehrter, der das klassische chinesische Denken für Leser verständlich machte, die oft darauf trainiert waren, es entweder als exotische Weisheit oder als statische Tradition zu betrachten. Sein bleibender Ruf beruht vor allem auf seiner Interpretation von Mencius, doch dieses Werk war nicht nur eine Frage der Exposition. Schwartz betrachtete die chinesische Philosophie als intellektuelles Drama: einen Wettstreit über die menschliche Natur, moralische Kultivierung, politische Autorität und die Fragilität der ethischen Ordnung in einer Zeit der Gewalt. In seinen Händen trat Mencius nicht als dekorativer Weiser auf, sondern als Denker, der sich durch die Krisen der Streitenden Staaten argumentieren musste und die Möglichkeit verteidigte, dass Moral mehr als ein Instrument der Macht sein könnte.
Was Schwartz antrieb, war eine ungewöhnlich disziplinierte Kombination aus Bewunderung und Skepsis. Er schätzte eindeutig Mencius’ Vertrauen in die moralischen Ressourcen des Menschen, verstand jedoch auch, wie leicht ein solches Vertrauen zu frommer Abstraktion werden konnte. Sein Werk legt nahe, dass er ein Gelehrter war, der sowohl Herablassung als auch Romantik widerstehen wollte. Er wollte, dass westliche Leser die chinesische Philosophie ernst nehmen, ohne sie in einen Spiegel ihrer eigenen Ideale zu verwandeln. Das erforderte eine Form intellektueller Zurückhaltung: Sympathie für eine Tradition, aber die Weigerung, ihre Spannungen zu glätten. Das Ergebnis war eine Wissenschaft, die oft moralisch wachsam, aber niemals naiv wirkt.
Dieser Balanceakt ist Teil dessen, was ihn einflussreich und in mancher Hinsicht schwer zu kategorisieren machte. Schwartz half, Mencius in die vergleichende Philosophie zu überführen, wo der Text neben anderen großen Argumenten über Ethik und Staatskunst gelesen werden konnte. Gleichzeitig blieb er fest historisch. Er bestand darauf, dass Mencius’ Aussagen über die menschliche Natur nur im Kontext der politischen Unordnung seiner Zeit Sinn machen. Diese historische Methode schützte ihn davor, die Philosophie in ein zeitloses Schlagwort zu verwandeln, bedeutete jedoch auch, dass er konsequent die Kontingenz moralischer Ideen aufdeckte. Die Leser wurden nicht nur aufgefordert, Mencius zu bewundern, sondern auch zu erkennen, wie dringend seine Ideen durch Krisen geprägt waren.
Der Preis für diese intellektuelle Ernsthaftigkeit war, dass Schwartzs Werk unsentimental wirken konnte. Er bot keine einfachen Harmonien zwischen Ost und West, noch tat er so, als könnte die Textstudie die Gewalt der Geschichte lösen. Seine Wissenschaft drängt die Leser oft zu einer ernüchternden Schlussfolgerung: Moralische Aspiration ist real, aber sie ist immer anfällig für Zwang, Fehlwahrnehmung und Misserfolg. Das ist ein Teil des Grundes, warum sein Werk Bestand hatte. Er ließ das chinesische Denken in einem Register sprechen, das philosophisch rigoros und historisch bewusst war, bewahrte jedoch auch seine Schwierigkeit.
Schwartzs Erbe besteht daher nicht nur darin, dass er Mencius gut erklärte. Es besteht darin, dass er den Lesern beibrachte, einen klassischen Denker zu lesen, ohne ihn entweder zu verehren oder zu reduzieren. Indem er dies tat, half er, die moderne Sinologie als ein Feld zu definieren, das sich mit Ideen als lebendigen Argumenten auseinandersetzen muss, nicht als Museumsstücken.
