Dietrich Bonhoeffer
1906 - 1945
Dietrich Bonhoeffer ist zentral für die spätere theologische Rezeption des Todes Gottes, weil er dem modernen Unglauben nicht als distanzierter Kritiker begegnete, sondern als Pastor, Gelehrter, Verschwörer und Gefangener, der versuchte, unter Bedingungen, die den Glauben absurd erscheinen ließen, treu zu bleiben. Er betrachtete die säkulare Moderne nicht als eine Plage, die es zu besiegen galt. Er behandelte sie als eine Tatsache der Geschichte, die ohne Illusionen konfrontiert werden musste. Das verleiht seinem Werk seine Kraft: Er fragte, was das Christentum bedeuten könnte, wenn die überlieferten Stützen der Religion zusammengebrochen waren, und tat dies aus der Perspektive christlicher Verantwortung, nicht aus der Sicherheit der Apologetik.
Geboren 1906 in eine angesehene, säkulare, bürgerliche deutsche Familie, war Bonhoeffer früh geprägt von Disziplin, intellektueller Ambition und moralischer Ernsthaftigkeit. Er studierte Theologie mit außergewöhnlicher Brillanz, doch sein tiefster Impuls war nie bloß akademisch. Er wollte einen Glauben, der der Realität standhalten konnte. Die Krise des Dritten Reiches schärfte dieses Verlangen zur Dringlichkeit. Als der Nationalsozialismus das öffentliche Leben in ein Instrument der Gewalt und Täuschung verwandelte, erkannte Bonhoeffer zunehmend, dass die Theologie durch Gehorsam und nicht durch Frömmigkeit geprüft werden musste. Er half, die Bekennende Kirche zu formen, widersetzte sich dem Versuch des Regimes, den deutschen Protestantismus zu kontrollieren, und wurde schließlich in Widerstandskreise verwickelt, die mit dem Attentat auf Hitler verbunden waren. Diese Bewegung vom Theologen zum Verschwörer offenbart einen entscheidenden Widerspruch: Bonhoeffers öffentliches Zeugnis war in Gewaltlosigkeit und Jüngerschaft verwurzelt, dennoch überschritt er die Grenze zum politischen Widerstand, der die Teilnahme an Tyrannenmord einschließen konnte. Er löste den Widerspruch nicht auf, sondern trug ihn.
Seine Schriften aus dem Gefängnis zeigen einen unter Druck stehenden Geist, der religiöse Sprache abstreift, die sozial schützend und moralisch schwach geworden war. Er war überzeugt, dass das Christentum lernen musste, „für andere“ zu sprechen, in Solidarität mit der Welt und nicht gegen sie. Dies war keine Kapitulation vor dem Unglauben, sondern ein Versuch, eine reinere Form christlichen Daseins nach dem Zusammenbruch der Christlichen Welt zu finden. Seine berühmten Gefängnisfragmente, die später in Briefe und Aufzeichnungen aus dem Gefängnis gesammelt wurden, bewahren diesen Kampf. Er versuchte nicht, Gott abzuschaffen; er versuchte, die christliche Sprache aus der Selbsttäuschung zu retten.
Die Kosten waren immens. Bonhoeffer verlor seine Freiheit, seine Berufung als Lehrer und schließlich sein Leben, als er im April 1945 von den Nazis hingerichtet wurde. Die Kosten für andere waren ebenfalls schwerwiegend: Seine Familie lebte unter Überwachung und Angst, und seine Teilnahme am Widerstand wurde in die moralische Ambivalenz gewaltsamer Opposition verwickelt. Dennoch bleibt sein Beispiel bestehen, weil er nicht vorgab, dass der Glauben unschuldig bleiben könnte. Er zeigte, dass moderne Verantwortung selbst der Ort sein könnte, an dem der göttliche Anspruch gehört wird. In diesem Sinne steht er nahe an Nietzsches Diagnose des Todes Gottes, während er Nietzsches Schlussfolgerung ablehnt. Bonhoeffer erkannte die historische Realität der Entzauberung an, bestand jedoch darauf, dass dies die Frage nach Gott nicht beantwortete.
