The Philosophy ArchiveThe Philosophy Archive
Back to Hermeneutik
UrsprungsgeberGerman Protestant theology and Romantic philologyPrussia (Breslau)

Friedrich Schleiermacher

1768 - 1834

Schleiermacher steht an der Schwelle, wo die Hermeneutik aufhörte, ein enges Handwerk zu sein, und zu einer allgemeinen Theorie des Verstehens wurde. Er war zunächst Theologe, aber auch ein romantischer Intellektueller, der den Zusammenbruch älterer Gewissheiten über Schrift, Autorschaft und Autorität miterlebte. Seine zentrale Frage war, wie man einen Text verstehen kann, dessen Stimme durch Geschichte, Sprache und Individualität von uns getrennt ist. Diese Frage machte ihn ungewöhnlich aufmerksam auf die Beschaffenheit der Sprache: Grammatik war wichtig, aber auch Stil, Genre und die Singularität des Gedankens des Autors.

Sein großer Beitrag war es, die Interpretation sowohl als grammatikalisch als auch als psychologisch zu betrachten. Man muss die Regeln einer Sprache verstehen, aber auch das individuelle Leben, das in einem Text zum Ausdruck kommt. Diese doppelte Anforderung erlaubte es ihm, über bloß andächtiges Lesen hinauszugehen und zu einem disziplinierten Verständnis der textlichen Bedeutung zu gelangen. Doch derselbe Schritt offenbarte eine Spannung, die für die Hermeneutik zentral bleiben würde: Je mehr man den Geist des Autors sucht, desto mehr riskiert man, die Interpretation durch Vermutung zu ersetzen. Schleiermacher kannte diese Gefahr, weshalb seine Hermeneutik niemals eine grobe Autorverehrung war. Er wollte Zugang zu Bedeutung, nicht sentimentale Intimität.

Er wird oft als Vorläufer späterer philosophischer Hermeneutik erinnert, doch das kann seine Originalität verwässern. Er lieferte nicht nur Regeln für die Exegese. Er half, die Interpretation selbst zu einem philosophischen Problem zu machen. In diesem Sinne gehört er sowohl zur Geschichte des modernen Selbst als auch zur Geschichte der Theologie. Die Überraschung in seinem Werk ist, dass das gute Lesen einer anderen Person eine Art disziplinierte Empathie erfordern kann, die weder Verschmelzung noch Dominanz ist. Der Leser muss einen lebendigen Gedanken aus den Spuren rekonstruieren, die er hinterlässt.

Schleiermachers Widersprüche sind lehrreich. Er war der historischen Wissenschaft verpflichtet, suchte jedoch eine Form des Verstehens, die historische Distanzen überbrücken konnte. Er war ein Kind der protestantischen Kritik, wollte jedoch auch die Möglichkeit einer gemeinsamen Bedeutung bewahren. Diese Kombination verlieh seinem Werk seinen nachhaltigen Einfluss. Spätere Denker erbten von ihm die Überzeugung, dass die Interpretation der Philosophie nicht sekundär ist; sie ist einer der Orte, an denen die Philosophie entdeckt, was menschliches Verstehen ist.

Philosophies