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Giorgio Colli

1917 - 1979

Giorgio Colli gehört zum Nachleben Nietzsches, jedoch nicht als einfacher Schüler und auch nicht als neutraler Gelehrter. Er war eine Art Intellektueller, der das Editieren als einen moralischen Akt betrachtete: zu entscheiden, was als Text zählt, was als Interpolation gilt und was als Lärm angesehen wird, bedeutete für ihn, zu entscheiden, ob die Philosophie lebendig bleibt oder einbalsamiert wird. Dieses Gespür machte ihn zu einer der folgenreichsten Figuren in der modernen Geschichte der Nietzsche-Rezeption. Er half, die Bedingungen zu schaffen, unter denen Nietzsche weniger als Systembauer denn als Denker gelesen werden konnte, dessen Manuskripte, Entwürfe und Fragmente jedem Versuch einer ordentlichen Schließung widerstehen.

Was Colli trieb, war nicht bloß antiquarische Disziplin. Sein Werk deutet auf ein Temperament hin, das philosophischer Vereinfachung misstraut und der akademischen Tendenz feindlich gegenübersteht, Gedanken in Doktrinen zu verwandeln. Er war fasziniert von den verborgenen, unvollendeten und unbehaglichen Dimensionen von Texten. In Nietzsches Notizbüchern fand er keine fertige Metaphysik, sondern ein Feld von Drücken, Zögern und Überarbeitungen. Das war für ihn von Bedeutung, weil es die Gewalt der redaktionellen Verpackung offenbarte. Die posthume Zusammenstellung, die als Der Wille zur Macht bekannt ist, wurde lange Zeit im Grunde genommen als ein Buch behandelt, das Nietzsche im Geheimen geschrieben hatte. Collis großer Eingriff bestand darin, diese Behauptung schwerer haltbar zu machen. Er widersprach nicht einfach einer Lesart; er veränderte den Beweisgrund, auf dem die Lesart stand.

Hier wird seine Bedeutung fast forensisch. Er stellte der Debatte, die zu oft von ideologischem Appetit getrieben wurde, philologische Ernsthaftigkeit wieder her. Sobald die Fragmente als Fragmente anerkannt werden, wird das Konzept des Willens zur Macht weniger zu einem vollendeten Glaubensbekenntnis und mehr zu einem instabilen intellektuellen Experiment. Dieser Wandel löste die philosophische Frage nicht, aber er veränderte ihre Ethik. Es wurde schwieriger, Nietzsche als Propheten eines totalen Systems, eines rassischen Schicksals oder eines autoritären Willens zu rekrutieren. In diesem Sinne hatte Collis Werk Konsequenzen, die über die Wissenschaft hinausgingen: Es schwächte einige der aggressivsten Aneignungen Nietzsches und öffnete das Archiv für sorgfältigere Leser erneut.

Dennoch gibt es einen Widerspruch in Collis Haltung. Er erscheint als Hüter der textlichen Demut, doch die Kraft seines Eingriffs war unbestreitbar durchsetzungsfähig. Er stellte nicht nur Nuancen wieder her; er stürzte eine überlieferte Anordnung von Autorität. Die öffentliche Persona ist die des geduldigen Editors, aber die private intellektuelle Geste ist kämpferisch: eine Weigerung, die Tradition ihre eigenen redaktionellen Verbrechen verbergen zu lassen. Diese Haltung hatte ihren Preis. Sie machte ihn für Gelehrte unentbehrlich, setzte ihn aber auch der Last aus, hauptsächlich als Korrektor in Erinnerung behalten zu werden, als jemand, dessen Größe darin besteht, falscher Gewissheit Nein zu sagen.

Collis Erbe ist somit doppelt. Er half, Nietzsche vom toten Gewicht eines falschen Systems zu befreien, aber dabei offenbarte er auch, wie sehr die philosophische Kultur von der Kunst der Kohärenz abhängt. Er verstand, dass Ideen nicht nackt reisen; sie kommen in Ausgaben, Auswahl und Mythen an. Sein Verdienst war es, diese Tatsache in den Vordergrund zu drängen.

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