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SchönheitDie zentrale Idee
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6 min readChapter 2Europe

Die zentrale Idee

Platons zentrale Beitrag zur Philosophie der Schönheit ist keine einzelne Doktrin, sondern eine dramatische Umorientierung. Schönheit wird in seinen Händen zu einer philosophischen Leiter. Sie beginnt als Anziehung zu einem bestimmten Körper oder Objekt, aber wenn die Seele diszipliniert ist, kann diese Anziehung in eine Suche nach dem umgewandelt werden, was alle schönen Dinge gemeinsam haben. Es geht nicht darum, die sinnliche Schönheit abzuschaffen; es geht darum, die sinnliche Schönheit einem höheren Aufstieg zu dienen.

Die vollständigste Version davon erscheint im Symposium, insbesondere in Diotimas Rede, wo die Liebe als Bewegung von einem schönen Körper zu zwei, von Körpern zu Seelen, von Seelen zu Gesetzen und Arten von Wissen und schließlich zu „der Schönheit selbst“ (to kalon auto) beschrieben wird. Die Reihenfolge ist wichtig. Platon beginnt nicht in der Abstraktion und steigt in die Welt der Erscheinungen hinab; er beginnt in der Welt, wie sie tatsächlich begegnet wird—in einem Gesicht, einer Form, einer Stimme, einer Stadt, einem Brauch—und macht diese Begegnung zum Ausgangspunkt philosophischer Disziplin. Die bemerkenswerte Behauptung ist, dass die besonderen Schönheiten keine isolierten Fälle sind, sondern Schritte in einer metaphysischen Bildung. Sie sind real genug, um uns zu bewegen, aber unvollständig genug, um uns zu enttäuschen, wenn wir sie für das endgültige Objekt des Verlangens halten.

Dies ist ein überraschender Vorschlag, denn er macht Schönheit sowohl unmittelbar als auch abstrakt. Das geliebte Gesicht ist wichtig, aber es ist auch eine Lektion. Die gestaltete Form, die gut geordnete Stadt, das disziplinierte Argument—jedes kann eros erwecken, doch jedes weist über sich selbst hinaus. Schönheit wird nicht auf Nützlichkeit oder moralische Zustimmung reduziert. Sie ist auch nicht nur ein subjektives Vergnügen. Sie hat einen objektiven Horizont, einen Standard, dem die Seele sich nähern, den sie aber in keinem bestimmten Fall jemals erfassen kann. In diesem Sinne verweigert Platons Darstellung zwei Versuchungen zugleich: die Versuchung, Schönheit auf bloße Freude zu reduzieren, und die Versuchung, sie in reine Theorie aufzulösen. Gerade weil Schönheit so lebhaft empfunden wird, kann sie philosophische Arbeit leisten.

Ein zweiter Text schärft den Punkt aus einem anderen Blickwinkel. Im Phaedrus wird Schönheit als die eine Form beschrieben, die am klarsten durch sinnliche Dinge hindurchscheint und in der Seele die Erinnerung an das hervorruft, was sie einst vor der Verkörperung gesehen hat. Der Liebende sieht Schönheit und ist verblüfft; der Schock ist sowohl philosophisch als auch erotisch. Schönheit ist die sichtbarste Erinnerung daran, dass die Realität das Gegenwärtige übersteigen kann. Sie ist in der Tat ein wahrnehmbarer Aufruf zur metaphysischen Erinnerung. Die Seele bewundert nicht nur; sie erinnert sich. Diese Erinnerung verleiht der Schönheit ihre eigentümliche Dringlichkeit: Was uns in der Welt festhält, scheint von jenseits zu kommen.

Die Spannung hier ist stark. Wenn Schönheit ein Weg zur Wahrheit ist, dann sind die Sinne nicht nur Hindernisse. Doch wenn die Seele zu sehr an einem bestimmten schönen Objekt haftet, könnte sie das Bild mit der Realität verwechseln. Platons Antwort ist zugleich streng und großzügig. Er fordert uns nicht auf, die Schönheit nicht mehr zu lieben; er fordert uns auf, sie richtig zu lieben, damit sie zu einer Disziplin und nicht zu einem Zauber wird. Schönheit muss lebendig bleiben, denn ohne lebendige Anziehung gibt es keinen Aufstieg. Aber sie muss auch unvollendet bleiben, denn wenn das Objekt völlig ausreichend wäre, würde das Verlangen dort enden und die Philosophie würde enden, bevor sie begonnen hat.

Betrachten wir zwei konkrete Illustrationen. Erstens, der schöne Körper. Für das ungeübte Auge ist er ein Endpunkt: man schaut, begehrt und stoppt. Für Diotimas Schüler ist er ein Anfang: seine Anziehung erinnert ihn daran, dass Schönheit nicht ausschließlich diesem Individuum vorbehalten ist und daher mehr als körperlichen Charme sein muss. Der Körper wird nicht geleugnet; er wird interpretiert. Zweitens, das schöne Gesetz oder der schöne Brauch. Eine gute Stadt kann eine Art von Schönheit in ihrer Ordnung haben, aber diese Schönheit ist mehr als visuelle Symmetrie; sie ist der sichtbare Ausdruck einer richtig geordneten Seele. In beiden Fällen wirkt Schönheit, indem sie den Geist über das unmittelbare Objekt hinauszieht. Was singular erscheint, wird repräsentativ; was nur angenehm scheint, wird lehrreich.

Die philosophische Kraft davon ist leicht zu übersehen, wenn man Platon liest, als würde er die Kunst einfach abtun. Er tut etwas Subtileres und Schwierigeres. Er gewährt der Schönheit ihre berauschende Kraft und besteht dann darauf, dass diese Kraft ein Beweis für einen tieferen Mangel in der gewöhnlichen Wahrnehmung ist. Schönheit weckt das Verlangen, weil sie Ganzheit andeutet. Was wir schön nennen, ist oft das, was für einen Moment nicht von der Zeit zerbrochen zu sein scheint. In diesem kurzen Erlebnis spürt die Seele eine Kohärenz, die die Welt selten aufrechterhält. Platon gibt dieser Intuition eine metaphysische Struktur: Schönheit ist nicht nur das, was wir mögen, sondern das, was uns erinnert, dass das Sein mehr vereint sein könnte, als es gegenwärtig erscheint.

In dieser Darstellung gibt es ein verborgenes Risiko. Wenn Schönheit nur eine Sprosse auf der Leiter ist, dann könnte das besondere Ding als entbehrlich behandelt werden, sobald die höhere Einsicht erreicht ist. Das würde Platons Philosophie der Schönheit zutiefst aristokratisch machen: die vielen schönen Dinge sind hauptsächlich als Instrumente des Aufstiegs wertvoll. Doch die Intensität seiner Beschreibungen deutet darauf hin, dass er wusste, dass die Leiter aus dem Material gebaut ist, das sie überwindet. Das schöne Objekt ist nichts; es ist der Anlass der Offenbarung. Ohne den besonderen Körper, den besonderen Brauch, den besonderen Akt des Sehens gäbe es keinen Aufstieg. Die Leiter hängt von dem ab, was sie übersteigt.

Diese Abhängigkeit ist Teil des Dramas des Symposium. Platons Sprache bewegt sich vom Unmittelbaren und Verkörperten hin zum Universellen und Unpersönlichen, aber sie verlässt die erste Stufe nie vollständig. Der Aufstieg ist kein Akt des Vergessens; es ist eine Umerziehung des Verlangens. Der Liebende hört nicht auf, ein Liebender zu sein, wenn er sich dem „der Schönheit selbst“ nähert. Vielmehr wird eros von Besitz in Vision verwandelt. Das ist wichtig, denn es verhindert, dass Schönheit zu einer toten Abstraktion wird. Wenn die Seele das Schöne selbst betrachten soll, muss sie zuerst von etwas Endlichem und Kontingentem ergriffen worden sein, das Sehnsucht hervorruft.

Der Phaedrus verstärkt dies, indem er Schönheit zur lesbarsten Form macht, derjenigen, die die Routinewahrnehmung am klarsten unterbricht. Diese Unterbrechung ist kein geringfügiges psychologisches Ereignis; sie ist der Beginn der philosophischen Erweckung. Die Verblüffung des Liebenden markiert den Punkt, an dem das Leben nicht mehr selbstumgrenzt ist. Die sichtbare Welt wird zu einem Hinweis, und der Hinweis weist rückwärts zur Erinnerung und aufwärts zu dem, was die Erscheinung übersteigt. In diesem Sinne ist Schönheit kein Ornament, das der Realität hinzugefügt wird. Sie ist ein Zeichen dafür, dass die Realität nicht durch das erschöpft ist, was vor den Augen steht.

Im Zentrum von Platons Idee steht also eine gewagte Antwort auf die redaktionelle Frage. Schönheit ist nicht einfach im Objekt, noch lediglich im Auge. Es ist die Kraft des Objekts, das Auge auf etwas Stabileres als jede einzelne Erscheinung zu erziehen. Das Objekt ruft, die Seele antwortet, und die Kultur liefert die Sprache des Aufstiegs. Die Schönheit des Dings ist real, aber ihre tiefste Bedeutung erscheint erst, wenn das Verlangen darauf trainiert ist, sie als Zeichen zu lesen. Das ist die Idee, die die spätere Tradition über Jahrhunderte hinweg ausarbeiten, widerstehen und überarbeiten würde.