Bis zu dem Zeitpunkt, als Nietzsche die Worte in den Mund des Wahnsinnigen in Die fröhliche Wissenschaft legte, hatte Europa bereits seit Generationen von geliehenen Gewissheiten gelebt. Die Kirchen standen noch, Predigten wurden weiterhin gehalten, und der Kalender bewegte sich noch nach christlicher Zeit, aber das intellektuelle Wetter hatte sich geändert. Die Welt, die einst Gott für selbstverständlich hielt, war nun überfüllt mit Geologie, historischer Kritik, vergleichender Religionswissenschaft und dem neuen Prestige der natürlichen Erklärung. Der alte Kosmos war nicht einfach widerlegt worden; er war antiquiert worden.
Eine Quelle der Anspannung war die historische Wissenschaft selbst. Die Bibel wurde nicht mehr überall als nahtloses göttliches Transkript gelesen. Die deutsche Bibelkritik hatte Autorschaft, Kompilation, Widerspruch und Entwicklung sichtbar gemacht, wo Frömmigkeit Einheit bevorzugt hatte. Der heilige Text kam wie ein Archiv mit Schichten, Bearbeitungen und menschlichen Fingerabdrücken daher. Für Gläubige konnte dies eine reinigende Disziplin sein; für andere war es der erste Riss in der Wand. Ein Buch, das einst als Orakel behandelt wurde, musste nun als Dokument überleben.
Eine weitere Quelle war die Wissenschaft, nicht im cartoonhaften Sinne, dass eine Entdeckung die Religion mit einem einzigen Schlag besiegt, sondern im kumulativen Sinne, dass die natürliche Welt sich zunehmend selbst erklärte. Das Universum sah nicht mehr wie ein Theater aus, das um das menschliche Heil angeordnet war. Darwins Darstellung der Arten hob für sich allein Gott nicht auf, doch sie machte es schwieriger, Zweck aus der Natur abzulesen. Wenn das Leben eine Geschichte hatte, wenn Formen durch Kampf und Zufall entstanden, dann fühlten sich die alten Gewissheiten des Designs nicht mehr unvermeidlich an. Eine Welt, die ohne Bezug auf Vorsehung erzählt werden konnte, war eine Welt, in der Vorsehung optional geworden war.
Nietzsches eigene Ausbildung machte ihn ungewöhnlich sensibel für diesen historischen Moment. Geboren 1844 in Röcken, als klassischer Philologe ausgebildet und in bemerkenswert jungem Alter in Basel berufen, war er kein provinzieller Pamphletschreiber, der die Religion von außen angreift. Er kannte die Textur antiker Schriften, die Instabilität der Interpretation und die Fragilität dessen, was spätere Epochen „Tradition“ nennen. Er wusste auch aus persönlicher Erfahrung um die emotionalen Kosten des intellektuellen Übergangs: das Verlangen nach Festigkeit, die Angst vor Leere, die Versuchung, neue Absolutheiten durch alte zu ersetzen.
Er schrieb nach Schopenhauer, dessen dunkle Metaphysik die Welt bereits ihrer einfachen Trostangebote beraubt hatte, und nach Wagner, dessen frühe Verheißung kultureller Erlösung Nietzsche schließlich mit Misstrauen behandelte. Die intellektuelle Luft, in der er arbeitete, war voller rivalisierender Diagnosen. Einige hofften, dass die Wissenschaft die Religion einfach durch Fakten ersetzen würde. Andere erwarteten, dass die Moral unabhängig von der Theologie überleben würde. Wieder andere, insbesondere an den deutschen Universitäten, versuchten, das Christentum zu bewahren, indem sie es in ethischen Idealismus übersetzten. Nietzsche fand all diese Antworten zu schnell. Sie gingen davon aus, dass, wenn man den Glauben an Gott entfernt, der Rest der Zivilisation an seinem Platz bleibt.
Diese Annahme ist genau das, was er stören wollte. In Die fröhliche Wissenschaft, insbesondere im Aphorismus 125, läuft der Wahnsinnige auf den Marktplatz und ruft, dass er Gott suche, und erklärt dann: „Wir haben ihn getötet – du und ich.“ Der Punkt ist nicht, dass ein paar Skeptiker einen Streit mit ein paar Theologen gewonnen haben. Der Punkt ist, dass die gesamte Kultur an einem langsamen Akt des Untergrabens der Quelle teilgenommen hat, aus der ihre höchsten Werte einst Autorität schöpften. Das „wir“ ist wichtig. Der Mord ist kollektiv, indirekt und vielleicht unfreiwillig.
Und die Konsequenzen sind größer als Unglaube. In einem von Nietzsches beunruhigendsten Bildern fragt der Wahnsinnige, wie wir uns trösten sollen, „die Mörder aller Mörder“. Er sagt nicht: jetzt sind wir frei und glücklich. Er fragt, ob wir nicht die Erde von ihrer Sonne losketten. Das ist die entscheidende Spannung: Wenn Gott der Garant für Bedeutung war, dann ist sein Verschwinden nicht nur Befreiung, sondern Desorientierung. Die Frage ist nicht, ob Religion in einem engen propositionalen Sinne wahr war; es ist, was passiert, wenn der tiefste Rahmen, nach dem sich eine Kultur orientiert, zurückgezogen wird.
Zwei konkrete Szenen machen die Krise sichtbar. Erstens, der Marktplatz im Gleichnis: ein öffentlicher Platz voller Menschen, die denken, sie verstünden die Nachrichten bereits, nur um zu entdecken, dass die Nachrichten sie auf radikalere Weise betreffen, als sie sich vorgestellt hatten. Zweitens, das Klassenzimmer oder die Bibliothek, in der der Gelehrte weiterhin Texte klassifiziert, vergleicht und kritisiert, während die Hintergrundannahmen, die die Wahrheit stabil erscheinen ließen, zu wanken beginnen. In beiden Szenen verschwindet die alte Ordnung nicht in einem theatralischen Blitz. Sie erodiert, während die Menschen noch ihre Sprache sprechen.
Die überraschende Wendung in Nietzsches Diagnose ist, dass er den Tod Gottes nicht als einfachen Sieg der Irreligion präsentiert. Er behandelt ihn als eine Last, die auf die post-religiöse Welt gelegt wird. Wenn die alte Quelle der Werte verschwunden ist, was wird dann aus der Wahrheit selbst? Was, wenn überhaupt, autorisiert die Moral? Warum sollte man Ehrlichkeit der Illusion vorziehen, wenn alle „höheren“ Bedeutungen jetzt menschliche Erfindungen sind? Der Zusammenbruch religiöser Gewissheit ist daher auch die Eröffnung eines dunkleren Problems: nicht nur, wie man ohne Gott glauben kann, sondern wie man ohne den alten metaphysischen Schutzwert schätzen kann.
Am Ende dieses ersten Aktes ist der alte Himmel noch nicht gefallen, aber er zeigt sichtbare Risse. Die Frage, die jetzt drängt, ist nicht mehr, ob Gott noch die Welt regiert. Es ist, was der Tod dieser Herrschaft mit den Begriffen macht, durch die moderne Menschen gelernt haben zu leben. Das ist die Idee, die Nietzsche als Nächstes auf den Tisch legt.
